
Workshop der AG Medienwissenschaft und Wissenschaftsforschung, Gesellschaft für Medienwissenschaft (GfM)
29. und 30. Oktober 2026, ZeM Potsdam (tbc)
Deadline CfP: 31. Mai 2026
Seit den 1970er Jahren ist eine deutliche Konjunktur von Arbeiten im Bereich der Wissenschaftsforschung zu erkennen. Unter dem Vorzeichen von „laboratory studies“ und „practice turn“ interessierten sich Sozialwissenschaftler*innen in zunehmendem Maße für die Alltagswelt der wissenschaftlichen Forschung. Vor diesem Hintergrund formierte sich auch ein neues Interesse für die Geschichte der Wissenschaften. Von großangelegten Studien zu „Paradigmen“ und „Epistemen“ wurde in den 1980er Jahren zu detaillierten Fallstudien übergegangen, die einzelne Laboratorien oder Experimente in den Blick nahmen. Neue Zeitschriften (Science in Context, 1987) und Institute (MPI für Wissenschaftsgeschichte, 1994) entstanden und prägen bis heute das Nachdenken über die Wissenschaften, in Soziologie, Anthropologie und Geschichte, aber auch weit darüber hinaus, in den Medien- und Kulturwissenschaften.
Von Anfang an stand die Profilierung des Gebiets der Wissenschaftsforschung in engem Zusammenhang mit den politisch-ökonomischen Konfliktlinien ihrer Zeit. Die Gleichschaltung der Universitäten im Nationalsozialismus und im Stalinismus, aber auch die Vereinnahmung durch Kapitalinteressen, hatten das Bild der Wissenschaft als ebenso idealem wie isoliertem Erkenntnisstreben erschüttert. Umgekehrt wurde deutlich, dass wissenschaftliche Arbeit auch für den Widerstand gegen Formen totalitärer Herrschaft stehen kann. In den 1970er Jahren wurden Wissenschaft und Technologie aber auch zu zentralen Elementen in den Vorstellungen einer „postindustriellen Gesellschaft“ oder „Informationsgesellschaft“, welche die Neuerfindung des Wirtschaftsliberalismus im Kalten Krieg begleiteten. So verschränkten z. B. Michael Polanyi oder Friedrich A. von Hayek ein marktkonformes Bild der Wissenschaft mit einem wissens- bzw. informationsbasierten Konzept des freien Marktes, mit erheblichen Konsequenzen für die neuere Wissenschaftsforschung.
In einer politischen und sozialen Situation, in der die Wissenschaften insgesamt unter erheblichen Druck stehen, scheint es zudem Zeit für eine Standortbestimmung. Wie positioniert sich die Wissenschaftsforschung gegenüber der Wissenschaftsskepsis und Wissenschaftsfeindlichkeit einer zunehmen polarisierten Öffentlichkeit? Wie reagiert sie auf die Kürzung von staatlichen Zuschüssen, die Verbreitung von Fake Facts und dem zunehmenden Einsatz von KI? Aber auch: Inwiefern reflektiert die Wissenschaftsforschung ihre Ausweitung zur Gesellschaftsforschung? Welchen Entwicklungen verdankt sie ihren Aufstieg in den letzten 30, 40 Jahren? Welchen gesellschaftlichen Interessen dient sie und könnte sie dienen?
In unserem Workshop wollen wir solchen historischen Hintergründen und gesellschaftlichen Zusammenhängen nachspüren und hinterfragen, inwiefern sie die Theoriebildung an der Schnittstelle von Medienwissenschaft und Wissenschaftsforschung bis heute prägen. Wir laden zu Interessensbekundungen an einem Input zum Workshop in einer Länge von maximal 20 Minuten bis zum 31. Mai 2026 ein. Einreichung eines Titels sowie einer kurzen Themenskizze unter: medienundwissen@listserv.dfn.de
Konzept und Organisation: Sophia Gräfe, Benjamin Prinz, Alexander Schindler und Henning Schmidgen.